DAS KONZEPT PLAY GENDER

Unser Verständnis von Soziokultur

Vor ca. 35 Jahren starteten die ersten Soziokulturellen Zentren mit der Utopie einer „Schönheit der Chance“(Tomte) von einer partizipativen Kultur für alle, der die Demokratisierung der Gesellschaft mit Kultur zum Ziel hatte. Wir wollen diesen Soziokulturbegriff mit unserer Kulturarbeit, die Kultur und Gesellschaft verknüpft, wiederbeleben – wie es zur Zeit freie und teilweise öffentliche Theater umsetzen - wollen unser „kulturelles Kapital“ (Pierre Bourdieu) in die Waagschale werfen, um als lebendiger kultureller Ort wahrgenommen zu werden und uns als gesellschaftliche, kulturelle Alternative in Abgrenzung zu kommerziellen Veranstaltungsorten positionieren.

Hintergrund von Play Gender

Hintergrund von Play Gender bildet die Anfang der 90er-Jahre in den USA entstandene Riot-GrrrL-Bewegung, die auf die starke Überzahl männlicher Musiker und deren Dominanz reagierte. Ziel und Anspruch dieser feministischen Bewegung war es, auf eben diese gesellschaftlichen Missstände aufmerksam zu machen, Frauen zu motivieren, sich nicht in konventionelle Rollenbilder pressen zu lassen, sondern unabhängig und selbstbewusst durchs Leben zu gehen.

Somit gestalteten sich die Riot Grrrls eine eigene Szene mit feministischer Netzwerkstruktur. Musik fungiert dabei als wertvolles Sprachrohr, um den Rest der Szene mit persönlichen Anliegen zu erreichen und Reflexionen über angesprochene Themen anzuregen und zu fördern. Aus der Unzufriedenheit heraus entstanden zahlreiche Bands, deren Texte Themen wie Frauendiskriminierung, sexueller Missbrauch, sexualisierte Gewalt, Homophobie und sonstige Missstände aufgriffen und nicht selten von persönlichen Erfahrungen handelten.

Fortgesetzt wird die Bewegung heute z.B. in den Ladyfesten, die eine non profit Veranstaltung und eine queer – feministische Plattform für Musik, Kunst, Workshops, Film und Literatur darstellen. Ladyfeste gelten als offene, von Sexismus und Gewalt befreite Räume, in denen „Ladies of all genders“ eingeladen sind um sie in die queer-feministische Diskussion einzubeziehen. Bewusst sind hierzu auch „feministisch“ solidarische Männer eingeladen. Grundsätzlich soll das Geschlecht keine Rolle spielen.

Warum Play Gender?

„Frauen wird immer wieder suggeriert: Es ist alles erreicht! Ihr könnt alles schaffen, wenn ihr nur wollt! Aber sind die Forderungen des Feminismus wirklich eingelöst worden?“ (Klappentext Sonja Eismann „Hot Topic – Popfeminismus heute“, 2007)

Was haben Geschlechterverhältnisse mit Kultur zu tun? Oder welches Geschlecht
hat die Kultur? Heute muss Frau nicht mehr als Mann verkleidet auftreten, jedoch sind Frauen in der Kultur immer noch unterrepräsentiert.
Bei der Bestimmung des Kanons gehe es um Qualität, sagt „mann“, Geschlecht spiele hier keine Rolle (Silke Wenk „Geschlechterdifferenz und Kulturarbeit“).

Vor allem in der populären Musik, wie im Rock / Punk / Hardcorebereich, ist der Anteil von Musikerinnen verschwindend gering und liegt um ca. 5 %. In der improvisierten Musik dürfte der Anteil sogar noch niedriger sein. „Unsere männlichen Mitmusiker halten ihre Bands nach wie vor streng monogeschlechtlich, und so herrscht in der Popkultur ein ähnlich ausgewogenes Geschlechterverhältnis wie in der KFZ – Meisterinnung und in der Astronautenszene“ (Beiheft zum Flittchen – Record Sampler Stolz und Vorurteil, zit. Testcard 8, S. 20). Frauen werden erst dann wahrgenommen, wenn sie erfolgreich sind.
„Ihre Rolle ist immer noch die der Konsumentin, der Tänzerin vor der Bühne, des Fans, des Groupies, der Backgroundsängerin, allenfalls der Sängerin als Interpretin – diese den jungen Frauen werden in der Popdiskussion nicht ernst genommen, weder als Themen an sich noch in ihren frauenspezifischen Implikationen“ (ebd., S.23).

Diese exemplarisch an der Musikszene verdeutlichten Geschlechterverhältnisse, lassen sich auf andere Kulturbereiche übertragen. Die Landesregierung NRW verdeutlicht in einem Bericht (26.01.2001) an den Kulturausschuss des Landtags „Zum Anteil von Frauen in der Kunstförderung der Landesregierung in NRW“, das Frauen mit 28 % klar unterrepräsentiert sind.

Hier soll „Play Gender“ ansetzen und mit den Instrumentarien des Gender Mainstreaming und geschlechtersensiblen Angeboten Frauen Räume geben, Räume die Platz für eine Entwicklung, eine Ästhetik lassen, das künstlerische Schaffen zu präsentieren, sich als „Lady“ Respekt zu verschaffen und Genderrollen in Frage zu stellen, bzw. im nächsten Schritt aufzulösen oder zu dekonstruieren.

„Geschlechtliche Differenz ist nicht von Natur aus vorgegeben, sondern durch und innerhalb von psychischen Prozessen und historisch spezifischen Diskursen geformt – Genderrollen sind sozial und kulturell geprägt und dementsprechend auch veränderbar und nicht biologisch determinierbar.“ (Christina Lutter/Markus Reisenheimer: Cultural Studies. Eine Einführung, Wien 1998)

Etwas besseres als Gender?

Das gesellschaftliche Model der Zweigeschlechtlichkeit und der damit einhergehenden Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit als komplementäre Phänomene steht ebenso im Blick von Play Gender.

„Play Gender: Geschlecht als Spiel statt das bloße Abspulen von vorgegebenen Rollen. So neu ist die Auseinandersetzung um einen spielerischen und kreativen Umgang mit Geschlechtszuschreibungen zu erreichen nicht, aber sie bekommt jedes Mal neue Impulse von denen die mitspielen, oder eben nicht mitspielen.“ (aus dem Selbstverständnis des 1. Kölner Ladyfest)

Zwei Ziele sollen bei Play Gender umgesetzt werden: Geschlechterdemokratie und Chancengleichheit durch Visibility/Repräsentation und Empowerment. Konkret bedeutet dass, die „Leistungen“ weiblicher Musikerinnen, Künstlerinnen oder sonstigen Akteurinnen in den Vordergrund zu stellen, da diese „Leistungen“ oft nicht adäquat gewürdigt werden und somit der Eindruck bestärkt wird, Frauen hätten auf diesen Gebieten gegenüber Männern minderwertigere „Leistungen“ erbracht, was an den vorherrschenden gesellschaftlichen Strukturen liegt, und nicht an Fähigkeiten.

Durch diese Exponierung hoffen wir andere Menschen ermutigen zu können selber auf derartigen Gebieten aktiver zu werden, damit irgendwann der Zustand erreicht wird, dass das Geschlecht der/ des Schaffenden nicht mehr in den Vordergrund gestellt werden muss. Es soll zunächst ein „Freiraum“ für Mädchen / Frauen geschaffen werden, wie bei den Ladyfesten, der Platz für Entwicklung lässt, Raum für feministische, queere Kommunikation, Raum für eine queere Ästhetik.

„Play Gender“ will auch Männer ansprechen, denn ohne diese ist eine veränderte Wahrnehmung von Gender in der Gesellschaft kaum möglich. „Männer“ müssen Macht abgeben oder zumindest bereit sein Themen wie z.B. „Sexismus im Pop“ zu hinterfragen.

Wie soll das Profil „Play Gender“ im Kulturbunker weiterentwickelt und umgesetzt werden?

Mit „Play Gender“ wollen wir Synergien zu den anderen Veranstaltungen im Kulturbunker schaffen, bzw. diese unter „Gendergesichtspunkten“ mit einbeziehen. „Play Gender“ soll verschiedene gesellschftliche Gruppen ansprechen und auch ein Forum für altersgruppengemischtes Publikum bieten. Es sollen Kinder (6 – 12), Jugendliche und junge Erwachsene (13 – 27) genau so angesprochen werden, wie das ältere Publikum (28 – 50 +). Drei Schwerpunkte mit mehreren Modulen, die aufeinander aufbauend über drei Jahre entwickelt werden, sind angedacht. Diese sind, da Kultur und Szenen sich überraschend und rasant verändern können, zeitlich nicht eingegrenzt, sondern können sich verschieben.

„Play Gender“ – Geschlechterverhältnisse in der Musik

Modul Musik (Pop): Förderung durch bewusstes Buchen von Musikerinnen und Bands, die zum überwiegenden Teil aus Musikerinnen bestehen, oder einen „queeren“ Background haben. Konzerte werden mit Vorträgen, die sich auf das Thema beziehen, in Verbindung gesetzt.

Modul Musik (Elekro / Improvisation): Reihe mit Musikerinnen aus der improvisierten oder elektronischen Musik in Zusammenarbeit mit ON und der Musikhochschule. Workshops zu „Field Geräuschaufnahmen und Circuit Bending, wo Kinderspielinstrumente umgebaut werden, sollen begleitend stattfinden.

Modul „Grrrls on stage“: Mit dem Workshop „Grrrls on stage“ soll der Anteil der Musikerinnen erhöht werden und versteht sich als lokale Rock – und Popförderung. Der Workshop beinhaltet alle Instrumente (Bass, Schlagzeug, Gesang, Gitarre, Turntable, Keyboard). Außerdem soll auch ein Technikworkshop stattfinden (PA). Wählt eure Schüler_innenband des Jahres könnte sich ein aus diesem Modul entwickelnder Contest werden.

Eine Zusammenarbeit mit der Kölner All Girlgruppe „The Black Sheep“, „Rocksie“ und der Jugendförderung ist angedacht.

Modul „Hip - Hop“: Kaum eine Musikszene ist so Männerdominiert und äußert sich sexistisch und homophob wie die Hip – Hop Szene. Wir wollen hier Mädchen / Frauen fördern und Workshops mit Musikerinnen von Sisters Keepers durchführen. Dieses Modul spricht vor allem Mädchen / Frauen mit Migrationshintergrund an.

Modul „Queerparty“: Ziel ist eine regelmäßige queer - feministische Disco, deren Ziel es ist einen antisexistischen Freiraum zu schaffen.

„Play Gender“ – Geschlechterverhältnisse in der Kultur

Modul Kunst: Kunstausstellungen. Künstlerinnen sollen gefördert werden und in der Galerie ausstellen. Dazu soll es thematische Ausstellungen zum Thema Gender geben, bei der Arbeiten von Männern, die sich mit dem Thema auseinandersetzen erwünscht sind. Neben bildenden Künstlerinnen, sollen auch Klangkünstlerinnen und Videokünstlerinnen ausstellen. Eine Zusammenarbeit mit der Kunsthochschule ist angedacht. Weiter ist denkbar in Kooperation mit Schulen das Thema Gender künstlerisch umzusetzen und die Ergebnisse im Kulturbunker, sowie beim Mülheimer Jugendkunstfestival zu zeigen.

Modul Film: In einer Reihe sollen Filme gezeigt werden, die sich mit Gender auseinandersetzen. Eine Zusammenarbeit mit der Feminale wird angestrebt. Modul Poetry: Reihe mit Literatinnen, Poetinnen und Slammerinnen. Denkbar ist auch ein Poetry Slam für Frauen. Das Modul beinhaltet einen Textworkshop für junge Poetinnen oder Slammerinnen. Zusammenarbeit mit Katinka Buddenkotte oder Pamela Granderath. Modul Kinder - und Jugendtheater: Gezielt werden in unserer Kinder – und Jugendtheaterreihe Stücke gebucht, die sich mit Genderrollen auseinandersetzen. Anschließende Nachbesprechungen sollen das Thema zu Rollenverhalten von Jungen und Mädchen vertiefen. Eventuell ist eine Theaterproduktion zum Thema „Rollenspiel“ angedacht. Auch dieses Modul hat hauptsächlich migrantische Jugendliche als Zielgruppe.

„Play Gender“ – Geschlechterpolitik

Modul GenderDialoge: Verschiedene Vorträge und Diskussionsveranstaltungen zu den unterschiedlichsten Themenkomplexen wie Sex, Gender, Feminismus, Gendermainstreaming, Alphamädchen, Geschlechterdemokratie, Situation von Migrantinnen, etc. Eine Zusammenarbeit mit dem Gender Studies Bereich der Uni ist angedacht.

Modul Geschichte: Als ehemaliger Luftschutzbunker ist uns die Aufarbeitung der NS Geschichte Mülheims wichtig. In einem Projekt mit Kindern wollen wir in Kooperation mit dem Geschichtsverein auf die Spuren von Frauen in der NS Zeit (Edelweißpiratinnen, verfolgten und deportierten Frauen, etc.) gehen. Das Projekt soll in Kooperation mit dem NS Dokumentationszentrum stattfinden.

Ziele von dem Profil „Play Gender – Geschlechtergerechte Kultur“ im Kulturbunker

Der Kulturbunker will mit „Play Gender“ einen bisher nur im universitärem Rahmen geführten Diskurs oder auf Gendermainstreamingrichtlinien der EU stehenden Empfehlungen, in die Praxis umsetzen. Mit „Play Gender“, der praktischen Umsetzung von geschlechtergerechter Kulturarbeit, soll im Kulturbunker mit den verschiedenen Modulen ein Profil geschaffen werden, das die Geschlechterverhältnisse in der Kultur in Frage stellt und ins Wanken bringt. „Geschlechtergerechte Kulturarbeit“ ist ein soziokulturelles Feld per excellance, das unbesetzt ist. Der Kulturbunker Köln - Mülheim ist das erste Kulturzentrum in Deutschland, das das Profil „geschlechtergerechte Kultur“ entwickelt.

Torsten Nagel, 2008